Empathie, was ist das eigentlich?

Beitragsbild zum Beitrag Empathie was ist das? Bild mit einem ausgestreckten Arm, der eine Möwe füttertWas ist es, wenn es keine Empathie ist?

Vor Kurzem hatte ich eine  interessante und aufschlussreiche Diskussion. Es ging um die „richtige“ Definition von Empathie. Sie entzüdete sich an einem Interview mit dem amerikanischen Psychologen Paul Bloom. Dieser bezeichnet Empathie als gefährlich, da sie u.a. durch größere Nähe mit Opfern zu einem verstärkten Wunsch nach Rache an den Tätern führe.

Irgendetwas hat mich gestört an den Ausführungen von Herrn Bloom. Spricht er wirklich von „Empathie?“ Ich meine, Herr Bloom lässt etwas Entscheidendes unberücksichtigt.

Er erklärt, dass durch Empathie, so wie er sie wohl versteht,im Gehirn die gleichen Schmerzzentren angesprochen werden wie bei dem Opfer. Dies führt zu Identifikation mit diesem und zu reflexartigem Denken und Handeln.

Handelt es sich hierbei wirklich um Empathie im Sinne von Carl Rogers oder Marashall Rosenberg und vieler zeitgemäßer Psychologen?. Oder eher um einen Vorgang, den ich mit  Sympathie oder Mitleid bezeichnen würde?

Sympathie und Mitleid können Empathie verhindern

Das griechische Wortteil „sym“ steht für zusammen, miteinander, wie z.B. bei Symbiose. Bei „Sym“pathie für jemanden ist es tatsächlich so, dass ich mehr oder weniger mit dem Gegenüber und seinen Gefühlen verschmelze. Ich kann mich nicht geügend abgrenzen. Die Gefühle überschwemmen mich. Das Ergebnis ist, dass ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt bin, um den Anderen aufnehmen zu können. Weil ich zu sehr eins mit ihm bin, kann ich mich nicht in ihn hineinversetzen. Auf den ersten Blick paradox, auf den zweiten logisch.


Genauso, wie wenn ich mit meinen eigenen Gefühlen oder Gedanken identifiziert bin. Dann haben sie Macht über mich und steuern mich. Wenn ich mir klar mache: ich bin nicht meine Gefühle, erst dann ist Selbstempathie möglich. Denn erst dann kann ich zum verständnisvollen Beobachter werden.

Gleiches gilt  für Fremdempathie, die sagt: Deine Gefühle und Schmerzen sind nicht meine. Und ich sehe und  verstehe sie.

Sympathisierende Kommunikation

Hier ein paar Beispiele für sympathisierende Kommunikation:

Angenommen jemand kommmt zu mir und teilt mir mit: „Oh je, in meiner Ehe geht es mir im Moment gar nicht gut“.
Die verschiedenen sympathisierenden Antworten wären dann:

  • Ratschlag: „Warum probiert ihr es nicht mal mit einer Paartherapie?“
  • Trost: „Nimm´s dir nicht so zu Herzen, das wird schon wieder“
  • Schuldzuweisung oder Belehrung: „Das ist ja auch kein Wunder, wie Du Dich verhältst. Du könntest Dich ruhig etwas mehr anstrengen“
  • Psychologisieren: „Bei der Verstrickung mit ihrem Vater, die deine Frau hat, kann sie ja nicht beziehungsfähig sein“
  • Vergleichen: „Na, wenigstens bist Du verheiratet. Wie viele finden nicht mal einen Partner“
  • Mitleid: „Du tust mit echt leid. Wie du das in der Beziehung nur aushältst“
  • eigene Geschichte: „Mir geht es auch oft so. Weißt du, neulich…“

Alle diese Antworten machen es wahrscheinlich, dass der Gesprächspartner ziemlich frustriert sein dürfte. Denn er hat sehr wahrscheinlich nicht den Eindruck, so gehört und aufgenommen zu werden, wie er es gerne hätte.

Empathie dient dem Leben

Empathie dagegen konzentriert sich auf die Gefühle und Bedürfnisse des Anderen. Sie geht der Frage nach: Was ist gerade in dem Anderen lebendig. Sie bewertet und (ver)urteilt nicht. Und vermittelt so dem Anderen Annahme und Akzeptanz: Du bist ok, das was du gerade erlebst ist in Ordnung.

Eine empathische Antwort könnte z.B. lauten: „Bist du traurig und niedergeschlagen, weil du dir mehr Nähe und Verbindung zu deiner/deinem Partner(in) wünschst?“

Kannst Du den Unterschied spüren?

Dazu gibt es ein aufschlussreiches und gleichzeitig lustiges Video in englisch. In dem Blog No right no wrong von Raphael Kolic werden die Begriffe noch weiter erklärt und differenzert.

Nun weiß ich, was mich an der Argumentation von Herrn Bloom gestört hat. Empathie führt eben gerade nicht zu der von ihm geschilderten Identifikation und zu reflexartigem Handeln. Eher im Gegenteil zu Klarheit und lebensdienlichem Verhalten.

Um der Empathie auf die Spur zu kommen, lass die folgende Geschichte auf Dich wirken, die ich bei Simran K. Wester gefunden habe:


Die Geschichte von der Schaf-Farm

Ein Farmer hatte viele Schafe, die auf den Weiden seiner Farm weideten.

Eines Tages zog auf die Nachbarfarm ein neuer Farmer ein, der ein paar große, wilde, frei herumlaufende Hunde hatte. Bald schon entdeckten die Hunde die benachbarte Schafherde und fielen jeden Tag über sie her, verschreckten die Schafe und rissen auch ein paar.

Der Schaf-Farmer war entsetzt. Er fuhr zu seinem Nachbarn und forderte von ihm, dass er seine Hunde anketten oder einsperren müsste. Der Nachbar zuckte nur mit den Schultern und meinte, das sei nicht sein Problem.

Der Schaf-Farmer war sehr wütend, aber er fuhr erstmal nach Hause zurück, um zu überlegen, was er tun könnte.

Er könnte die Felder des Nachbarn verwüsten – danach war ihm gerade sehr zumute – aber dann würde der Nachbar seine Hunde vermutlich erst recht auf seine Schafe hetzen, oder er würde ihn anzeigen, und auf jeden Fall wären sie auf immer Feinde geworden.

Er könnte den Nachbarn anzeigen – aber bis das Urteil gefällt wäre, hätten die Hunde wahrscheinlich viele weitere Schafe gerissen, und außerdem würde der Nachbar sich früher oder später rächen.

Er könnte um alle seine Weiden Stacheldrahtzäune ziehen, aber das war sehr aufwändig, und er konnte Stacheldraht nicht leiden.

Was er auch bedachte, er konnte keine Lösung finden, mit der er rundum zufrieden gewesen wäre, immer hätte er etwas in Kauf nehmen müssen, was ihm nicht behagte.

Also, noch mal langsam. Worum geht es mir eigentlich, dachte er. Ich brauche Sicherheit für meine Schafe. Ich brauche Verständnis für mein Anliegen. Ich möchte mit meinem Nachbarn in Frieden leben.

Ich bin sicher, dass der Nachbar das eigentlich auch will. Er versteht vielleicht nur nicht, wie wichtig mir jedes einzelne Schaf ist. Vielleicht denkt er, wenn auf seinen Feldern der Wind ein paar Ähren knickt, das ist auch nicht der Weltuntergang, das ist eben Schicksal.

Wie kann ich ihm verständlich machen, wie kostbar mir jedes einzelne Schaf ist? Er hat vielleicht keine Ahnung, wie sehr einem die Tiere ans Herz wachsen können.

Dann hatte er eine Idee.

Am nächsten Tag ging er auf seine Weide, lud zwei der Lämmer in seinen Wagen und fuhr zum Nachbarn. Er schenkte den Kindern des Nachbarn die beiden Lämmer, trank noch eine Tasse Kaffee mit seinem Nachbarn und fuhr dann wieder nach Hause.

Die Hunde hat er auf seinen Weiden nie wieder gesehen.


In dieser Geschichte fragt praktische Empathie: „Worum geht es mir, worum geht es dem Anderen?“ Dieses Verständnis für den Anderen und für mich führt schließlich zu Verbindung und zu einer für beide hilfreichen Lösung. Die berühmte Win-Win-Situation.

 

Dazu zum Schluss noch ein sehr lehrreiches Video von Klaus Karstädt, einem Trainer für gewaltfreie Kommunikation. Das Video zeigt, wie Empathie in der Haltung der gewaltfreien Kommunikation aussehen kann:

 

Welche Erfahrungen hast Du mit Empathie oder blockierender Kommunikation? Welche Gedanken sind Dir beim Lesen des Artikels gekommen? Schreib mir in einem Kommentar oder per Mail. Ich würde mich sehr darüber freuen und Dir sicher antworten.

Liebe Grüße,

Peter

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2 Replies to “Empathie, was ist das eigentlich?”

  1. lieber Peter,
    danke für diesen so wertvollen Beitrag. Er hilft mir, immer wieder ans Üben zu denken und Worte zu finden in schwierigen Situationen. Ich kenne Klaus Karstädt von 2 workshops in München und mag seine Klarheit.
    Deine Gedanken über Empathie und Sympathie kann ich teilen. Das, was Paul Bloom als Empathie versteht, ist anders, als ich es inzwischen verstehe. aber es gibt so viele verschiedene Definitionen:(( Was ich von Marshall Rosenberg gelernt habe und was WIR Empathie nennen, ist für mich eine von Herz zu Herz gehende Kommunikation ist pures Verständnis für den Gesprächspartner. Und mein Mit-Gefühl ist kein Mit-Leid. aber was für ein Gefühl ist es? Was ist ein Gefühl??? Also bleibe ich lieber bei dem Wort Verständnis.
    Danke für den Anstoß, darüber nachzudenken.
    ich wünsche dir auch eine friedvolle Weihnachtszeit! Evelyn

    1. Ja, Evelyn, vielen Dank für Dein Feedback. Es st schon so, letztendlich entscheidend ist nicht die Definition sondern die Haltung. Eine Kommunikation von Herz zu Herz, das gefällt mir.

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