Giftpfeile der Kommunikation: „Warum?“

Warum tust du das?

Warum?Montag, 29. Januar 1979, San Diego, USA:
Um 8.30 sitzt die 16 jährige Schülerin Brenda Ann Spencer an ihrem offenen Schlafzimmer-Fenster.
In der Hand hält sie eine Ruger 10/22, ein halbautomatisches Gewehr, das sie 5 Wochen zuvor von ihrem Vater zu Weihnachten geschenkt bekommen hat.

Sie schießt wahllos in die Menge der Schüler und des Personals der gegenüberliegenden Schule. Ganze 6 Stunden lang.
Dabei werden der Schulleiter und der Hausmeister getötet, acht Schüler und ein Polizist werden verwundet.

Während des Massakers wird sie von einem Journalisten angerufen, der sie fragt, warum sie das tue. Sie antwortet: „I don´t like mondays“ (Ich mag keine Montage).
In späteren Verhören gibt sie auf die Frage „Warum?“ immer wieder ähnliche, unsinnige, weil nicht nachvollziehbare Antworten: 

  • Das belebt den Tag
  • Heute ist nichts los
  • Es hat einfach Spaß gemacht
  • Es war, als würde man Enten in einem Teich erschießen

Die Absurdität der Antworten und scheinbaren Motivation von Brenda Ann inspirierten Bob Geldof von der Band Boomtown Rats zu einem Lied, das zu einem Welthit wurde: „I dont´t like Mondays“

Neben der unsinnigen Begründung des Nichtgefallens von Montagen taucht im Refrain penetrant immer wieder die Frage, bzw. Aufforderung auf: „Sag mir, warum?“ (Telll me why?). Es finden sich keine befriedigenden Antworten auf die Frage.
Es gibt scheinbar keinen Grund (“ `Cause there are no reasons“), außer dem, den man sich zusammenreimt, der aber offensichtlich auf der Hand liegt: „A silicon chip inside her head get switched to overload“, eine Sicherung ist durchgebrannt, mit anderen Worten: die ist einfach nicht normal im Kopf.
Wird das den Beteiligten gerecht? Nein, das kann nicht die Antwort sein, die etwas beantwortet 

Auf ein Warum bekommst Du selten die „wahre“ Antwort

Könnte das daran liegen, dass die Frage falsch gestellt war?

Falsch“ im Sinne von sehr wahrscheinlich nicht zielführend.

Frag Dich mal, wie oft Du auf eine Warum-Frage, die Du jemand stellst, die Antwort bekommst, die Dich eigentlich interessiert.Wie oft dagegen erntest Du Verlegenheit, Rechtfertigung, Abwehr bis hin zu Wut und Aggression? Ich schätze letzteres hast Du häufiger erlebt.

Oder frage Dich, wie Du Dich fühlst, wenn Dich jemand fragt, warum Du etwas getan hast. Nicht sehr wohl in Deiner Haut, oder?

„Warum?“ ist eine Frage des Verstandes

Woran liegt das?

Die Frage „Warum?“ ist hervorragend geeignet, Zusammenhänge zu erforschen, die auf einer Ursache-Wirkungs-Beziehung beruhen.

  • Warum führt der Rhein diesen Sommer Hochwasser? Weil es viel geregnet hat in letzter Zeit.
  • Warum bin ich heute müde? Weil ich wenig geschlafen habe.

Im naturwissenschaftlichen Kontext ist sie unabdingbar, um den Dingen auf den Grund zu gehen.

Um die Motivation menschlichen Handelns und Verhaltens zu ergründen, ist „warum?“ denkbar ungeeignet.
Denn „warum?“ ist in der Hauptsache eine Frage des Verstandes. Wir wollen kognitiv verstehen, wie etwas zustande kommt.

Verstand und Gefühl als Fragezeichen und Herz

Warum-Verstand und Gefühl reden aneinander vorbei

Menschliches Verhalten hingegen ist nie allein nur mit dem Verstand zu begreifen. Menschliches Verhalten ist wesentlich bestimmt durch Gefühle und Bedürfnisse. Simone Mäkelä drückt das in ihrem Artikel auf Schatzentdecker.de so schön aus: „Bildlich gesprochen redet an dieser Stelle der Verstand mit dem Gefühl. Und beide benutzen ein völlig unterschiedliches Vokabular. Sie können sich nicht verstehen.“

Es führt nicht zum Verstehen

Und genau dieses Einander-Nicht-Verstehen ist es, was beim Frageempfänger ankommt.

Er ist frustriert oder gar wütend, weil er gern verstanden werden möchte und er spürt, dass dieses eindimensionale „warum?“ meist nicht zum Verstehen von viel- und vielfach tief-schichtiger Motivation führen kann.
Zudem ist es oft sogar so, dass der Befragte sich selbst in dieser Tiefe nicht versteht.
Und nun kommt jemand und will mit einem Warum eine einfache plausible Erklärung.

Im besten Fall geht es dem Frager tatsächlich um ein Verstehen-Wollen. Ein Verstehen-Wollen, das durchaus den Anderen in seiner Person erfassen will. Durch ein Warum wird dieser Wunsch jedoch nahezu unsichtbar, es wird dem Frageempfänger sehr erschwert, dies zu erkennen.

Meist schwingt eine Anklage mit

anklagendes Warum

Die Wirkung von „Warum?“

Im ungünstigeren, und leider gar nicht so seltenen Fall, ist ein Warum Ausdruck von moralischer Anklage, von tatsächlichem Unverständnis, möglicherweise begleitet von einem Kopfschütteln.
Eine Frage, bei der von vornherein mitschwingt: „Egal, was Du antwortest, ich kann, was Du tust, nicht gut heißen, nicht verstehen. Sowas macht man nicht, das gehört sich nicht.“ Dieses Warum ist eher ein Statement als eine Frage.

Und da die Warum-Frage in unserer Kommunikation oft diesen Charakter hat, sieht sich der mit einer solchen Konfrontierte in die Ecke gedrängt, auf die Anklagebank gesetzt. Er hat den Eindruck, er müsse sich rechtfertigen.

Auch wenn sie nicht so gemeint ist, eine Warum- Frage klingt in unseren Ohren meist wie ein versteckter Angriff.

Hinter „Warum“ verstecken sich die eigenen Gefühle

Ein weiterer Aspekt: Oft wird die Frage gestellt aus eigener Betroffenheit über das Handeln des Anderen. Leider gehen auch diese Gefühle in diesem Wörtchen völlig unter. Es zeigt  kaum etwas von der eigenen Traurigkeit, der Frustration, dem Ärger, es gibt kaum etwas von dem Fragenden Preis und will gleichzeitig alles von dem Befragten wissen.
Dieser erfährt nicht, was in jenem gerade lebendig ist. Diese Asymmetrie bewirkt wie der erste Aspekt eine Abwehrhaltung in dem Befragten.

Ein Warum blockiert tiefe Begegnung

All dies führt zu unbefriedigenden, abwehrenden, vielleicht, wie in unserem Ausgangsbeispiel, zu absurden Antworten, die auf jeden Fall an dem vorbei gehen, was den Fragenden interessiert. „Warum hast Du das getan, warum schießt Du auf Menschen und bringst sie um?“ „Ich hasse Montage.“ Eine Antwort auf eine Frage, die nichts beantwortet.

Warum-Fragen in der sozialen Kommunikation verhindern also Beziehung und Verbindung, sie blockieren Begegnung auf einer tieferen Ebene.
Im Rahen eines inspirierenden, anregenden Austauschs über die Natur des Warum in der Facebook Gruppe „Gewaltfreie Kommunikation“  drückte es eine Teilnehmerin so schön treffend und plastisch aus:

W a r u m gehört in den Giftschrank Klick um zu Tweeten

Wie „aber“ und „ich muss“ ist „warum?“ ein Giftpfeil der Kommunikation.

Verbind-liche Alternativen

Wie kannst Du stattdessen fragen, wenn Du wirklich verstehen und  eine Antwort bekommen willst, die das Verstehen fördert?

Werde Dir zunächst über Deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusst und teile sie dem Anderen mit. Damit ist schon eine Verbindung geschaffen, die es dem Anderen erleichtert zu sehen, um was es Dir eigentlich geht. Zeige und benenne Deine Traurigkeit, Deine Frustration, Deine Verwunderung oder Ratlosigkeit.

Und dann stelle Fragen, die über die Verstandesebene des Warum hinausgehen und eher deutlich machen, dass es Dir um die andere Person geht, um das, was in ihr lebendig ist.

Formulierungen, die dies deutlich machen, können z.B. sein:

  • „Was ging in Dir vor, als Du das getan hast, was hast Du da gefühlt, gedacht…?“
  • „Wie geht es Dir, wenn Du das tust, welches Bedürfnis wolltest Du Dir erfüllen?“
  • „Was hat Dich bewogen, so zu handeln?“
  • „Magst Du mir erzählen, was Deine Absicht war?“
  • „Wie ist es dazu gekommen, dass Du so gehandelt hast?“           ………

Wenn Du so fragst erhöhst Du die Wahrscheinlichkeit, dass Du eine Antwort erhältst, die Dir etwas von der inneren Wahrheit Deines Gesprächspartners zeigt.

Den Menschen sehen, nicht die Tat

Wie hätte Brenda Ann Spencer wohl geantwortet, wie hätte sie sich gefühlt, hätte man sie z.B. gefragt:
„Wie groß ist Dein Schmerz, wenn Du mit dem Gewehr auf Menschen schießt und sie damit tötest. Bist Du so wütend oder verzweifelt, weil Du gern eine Zukunft oder eine Perspektive für Dein Leben sehen würdest? Oder was ist es? Was brauchst Du, Brenda Ann?“

Ich weiß es natürlich nicht.
Möglicherweise hätte sie sich noch nicht nach einer ersten Frage geöffnet. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Zugang zu ihr gefunden hätte, ist sicherlich größer nach einer solchen Frage als nach einem „Tell me why“, das transportiert, dass es hier um die Tat geht und nicht um den Menschen dahinter, der diese Tat begeht.

Wenn wir nach dem Menschen fragen, nach dem, was in ihm lebendig ist, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass wir eine Antwort bekommen, die näher an der inneren Wahrheit ist.

Und keine Antwort wie in folgendem Beispiel, das ich vor Kurzem gelesen habe und das auf tragikomische Art demonstriert, wie der Giftpfeil wirkt:

Frage: „Warum hast Du Depressionen, das Leben ist doch so schön?“
„Antwort“: „Warum hast Du Asthma, es steht uns doch so viel Luft frei zur Verfügung?“

Kennst Du diese Situationen? Welche Erfahrungen hast Du mit Warum-Fragen gemacht und welche mit alternativen Formulierungen? Ich würde mich freuen, wenn Du mir davon erzählst. Nutze dazu die Kommentar-Funktion unter dem Beitrag,

Dein Peter

10 Gedanken zu „Giftpfeile der Kommunikation: „Warum?“

    1. Vielen Dank, Karina. Die beiden Formulierungen gefallen mir sehr gut, weil sie die Person und ihre Bedürfnisse und weniger die Tat im Blick haben. Die werde ich in mein Repertoire aufnehmen. Danke und lieben Gruß,

      Peter

    2. Hallo Karina, danke für Deinen Beitrag. Zu Deiner alternative, wie auf „warum“ zu regieren, hier meine Erfahrung. Ja, die Verbindung aufbauen ist das wichtigste. Doch dies durch Veränderung der Fragetechnik zu tun, „warum“ durch „um was ging es dir“ oder ganz gleich wie eine anders Frage formuliert wird, hält die Person weiterhin im intellektuellen fest, bzw. bringt sie dort hin. Beginnen wir zu denken, Worte für Taten zu finden, sind wir bereits nicht mehr auf der Ebene des Handelns, Gefühlen, Bedürfnissen, Emotionen, dem tieferen, wesentliche Wesen des Mensch sein!

      Im Falle einer Interaktion mit einem Menschen der gerade Gewalt anwendet (hat), kann dies sehr nach hinten los gehen, das die Person sich oder anderen weiter Gewalt antut.

      Ich habe erfahren, dass das erste verbindende Element die non verbale PRÄSENZ ist. Und selbst im Kopf frei sein von jeder Wertung, Urteil usw., und frei davon zu seine es verstehen, oder sonst was zu wollen!!

      Sich klar zu sein, dass diese Aktion wahrscheinlich die einzige Strategie, Aktion, Handlung der Person war, die dieser Mensch kennt, von der er sich Erfolg verspricht um das zu bekommen was er braucht oder sich davor zu bewahren etwas zu erfahren was er nicht will!

      Ist seine Handlung etwas das anderen Menschen leid zufügt, so ist sich dieser Mensch sich dessen oft sehr bewusst, und seine Botschaft ist dann oft, andere -erfahren zu lassen, wie sehr er selbst Schmerz und Leid fühlt und erlebt in seinem erleben seiner momentanen Lebensumständen.

      „Ich möchte da Du es selbst den Schmerz fühlst wie ich diesen fühle!“….

      Marshall sagte immer wieder „zähle bis 10 000 bevor Du auch nur daran denkst etwas dazu zu sagen oder Vorschläge zu machen“.

      Irgendwann ist dann ein Ziel, diesem Menschen zu unterstützen in der Zukunft Handlungsalternativen zu finden und ohne das diese anderen Leid zufügen, doch das ist dann nochmal ein Ewigkeit später.

    3. Danke für eure Beiträge 🙂
      Vielleicht habt ihr ja zu folgenden Vorschlägen noch einen Input:
      „Was hat für dich dafür/dagegen gesprochen?“
      „Was hat dich bei xy angesprochen?“

      Was ich noch nicht genau verstanden habe, ist, wie man Gründe für ein Handeln erfahren kann (da ich den anderen verstehen will) ohne dadurch auf die Verstandes- statt Gefühlsebene zu gehen. Denn meistens geht es mir dabei um das Gefühl und das Bedürfnis, das ich nachvollziehen möchte.
      Danke dafür!

      1. Liebe Karina,
        Du hast wohl Recht, genau das ist der springende Punkt. Vielleicht geht es mit der Frage: „Was hast Du gefühlt, als Du das gesagt, getan hast…; wie hast Du Dich gefühlt?, wie hat es sich für Dich angefühlt?“ Und dann: „Was wolltest Du damit erreichen? was wolltest Du Dir erfüllen?“
        Vielleicht ist es schon eine Hilfe nicht „Gründe“, sondern „Beweggründe“ erfahren zu wollen. Kannst Du damit etwas anfangen?
        Liebe Grüße,

        Peter

  1. „Warum“ frage ich aus purer Neugier an der Sache; alle anderen Fragewörter frage ich aus Interesse an der Person … Ich benutze diesen Satz recht oft, wenn ich mich ausgefragt fühle.

    1. Ja, Angie, das ist genau der Punkt, wenn sicherlich auch nicht immer und ausschließlich. Dieses Gefühl des Genervt-Seins wird durch Warum-Fragen allerdings viel schneller aktiviert. Mich würde interessieren: wie reagieren Deine Gesprächspartner, wenn Du diesen Satz benutzt? Wird dadurch Verstehen geweckt, ein Licht angezündet oder sind sie ihrerseits genervt?

  2. Nachtrag: ich schätze deine Beiträge.
    und zu deinem Zitat: warum bist du depressiv habe ich ein Bild gemacht. bin/war nämlich schwer depressiv.

    1. Liebe Anna, Danke für Deine Rückmeldung. Das mit dem Bild berührt mich sehr und ich stelle mir vor, wie es aussehen könnte Deinen Innenwelt zu Bild zu bringen. Kannst Du Dir vorstellen, zu beschreiben, was auf dem Bild zu sehen ist? Das würde mich sehr interessieren.
      Danke für Deine Offenheit, Anna.

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