Gewaltfreie Kommunikation, die Tür zu einer neuen Welt


Bild im Beitrag gewaltfreie Kommunikation: offene Tür zum Weg auf einer grünen WieseGewaltfreie Kommunikation, die Tür zu einer neuen Welt

Über einen interessanten Blogbeitrag von Christina Wenz bin ich auf die Blogparade  von Kiwi Pfingsten „Wenn Türen sich öffnen – Die BLOGPARADE zum Jahresbeginn“ gestoßen.

Die Frage, welche Türen oder welche Tür sich bei mir in den letzten Jahren geöffnet hat, hat sofort in mir geklungen und mich begeistert.

Es ist eine Tür, durch die ich vor Jahren gegangen bin, und die mir eine völlig neue, bis dahin so nicht gekannte Welt eröffnet hat. 

Eine Welt, in der das Leben so viel tiefer, so viel bewusster, so viel freundlicher ist. Es war die Tür zur Gewaltfreien Kommunikation (GfK).

(Um andersartigen Erwartungen vorzubeugen: dieser Artikel ist keine Abhandlung oder Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation. Er beschreibt meinen Weg durch diese Tür in diese neue Welt. Wer die GfK systematisch kennen lernen will, dem sie dieser Artikel empfohlen, ausführlicher und sehr empfehlenswert das Buch Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens).

Vor der offenen Tür

Dabei öffnete sich diese Tür eher (scheinbar) zufällig (wobei ich nicht glaube, dass es so was wie Zufall gibt, auch wenn es, gerade bei glücklicherweise geöffneten Türen, oft so aussieht).

Im Vorraum zu diesem neuen Gebäude befand ich mich bereits durch eine 3 jährige intensive Ausbildung in Gestaltpädagogik, die mir ein neues Menschenbild und vor allem Selbstbild und eine Beziehungsgestaltung auf einer ganz neuen Grundlage vermittelte- 3 Bereiche, die von ähnlichen Vorannahmen gekennzeichnet sind, wie ich sie in der GfK wieder fand (dazu später).

Bereits diese Ausbildung hat mich tief berührt und gewandelt. Nur war sie irgendwann vorbei und mit ihr auch die intensive Arbeit in der Ausbildungsgruppe, die mir sehr viel geschenkt hat. Und die mir nun fehlte.

In dieser Situation erzählte mir eine Freundin aus der Gruppe von einem Einführungsseminar in gewaltfreier Kommunikation, von dem sie gerade zurückgekommen war.

Sie erzählte mir irgendwas von 4 Schritten, von Verständnis für den Anderen und für sich, von Giraffen und Wölfen, von großen Herzen und sensiblen Ohren nach innen und nach außen… Und ich kapierte: Nichts.

Aber- da war ihre Begeisterung…

Ich verlor die Freundin aus den Augen, ich verlor das Thema aus dem Sinn.

Durch die Tür hinein…

Ein viertel Jahr später stieß ich im Internet (erneut „zufällig“) auf ein 1-wöchiges GfK Seminar, das in der Toskana stattfinden sollte. Wann? In den Herbstferien, exakt in der Woche, da ich frei hatte.

Toskana (hhhmmmmhhh) in den Herbstferien und Gewaltfreie Kommunikation (da war doch was!). Die Idee, der Gedanke ließ mich nicht mehr los und wurde zur Begeisterung: „Jawohl, das will ich machen“.

Problem: Teilnahmevoraussetzung sei ein Einführungsseminar in Gewaltfreie Kommunikation. Das hatte ich bisher nicht gemacht und hatte auch keine große Lust dazu.

Ich rief die Seminarleiterin an, welche meinte, sie habe den Eindruck, dass dies kein größeres Problem für mich sein sollte, mit dem Thema zurecht zu kommen. Mit Sicherheit war mir die Gestaltpädagogik dabei eine Hilfe.

Also, ab in den Süden, den Giraffen hinterher!  

(Zur Erklärung für alle, die mit der GfK nicht vertraut sind: die Giraffe ist das Landsäugetier mit dem [vermeintlich?] größten, zumindest aber leistungsfähigsten Herzen. Daher ist es in der GfK das Symbol für eine Sprache des Herzens, also eine von Empathie geprägte Sprache. Gegenpart ist der Wolf, der sich durch bewertendes, urteilendes und verurteilendes Denken und Sprechen auszeichnet. Diese beiden Typen werden in der GfK zur Veranschaulichung gerne verwendet).

…in eine neue Welt

Das toskanische Wetter war geradezu angetan für Frühlingsgefühle im Herbst, die hügelige Landschaft wetteiferte mit dem Schäfchenwolken durchsetzten blauen Himmel und die Seminargruppe und Arbeitsatmosphäre versprachen genau das zu erfüllen, was ich mir erhofft hatte. 

So was Ähnliches muss es sein, wenn im Neuen Testament von Leben in Fülle die Rede ist. Also beste Voraussetzungen, durch die geöffnete Tür zu gehen und eine neue Welt zu entdecken.

Und genau so kann ich den Vorgang beschreiben. Ich entdeckte eine neue Welt, die sich in einer neuen, ungewohnten Art zu denken und zu sprechen spiegelte.

Jeder will das Leben bereichern

Die erste grundlegende Erkenntnis der GfK traf mich, im positiven Sinne, überfallartig und ich erinnere mich noch an das Gefühl, das damals von mir Besitz ergriff und das in dem Ausruf „Boahh“ seine beste Entsprechung finden könnte. Die Erkenntnis lautete:

Alles, was ein Mensch jemals tut (oder sagt) ist ein Versuch, Bedürfnisse zu erfüllen Klick um zu Tweeten. „Boahh!“

Das war für mich neu.

Natürlich, eine Ahnung davon war bereits in den vergangenen Jahren, gerade durch die Arbeit in der Gestaltpädagogik gewachsen. Und doch, nun so klar, so unmissverständlich:

Alles was ein Mensch jemals tut, ist ein Versuch, beizutragen zur Bereicherung des Lebens. Des eigenen oder des Lebens anderer.

Sicher, es gibt tragische Versuche, tragische Strategien, deren Ergebnis alles andere als eine Bereicherung des Lebens darstellt.

Wenn ich mir diese Versuche in der heutigen Welt anschaue, sind viele dabei, die mir Angst machen, Sorge bereiten, die Wut in mir auslösen. Und doch: Das Wollen dahinter ist die Erfüllung eines lebensbereichernden Bedürfnisses.

Ich spürte plötzlich sowas wie Frieden in mir.

Diese Grundannahme weckt die Fähigkeit der Vergebung. Wenn alles, was wir tun, der Wunsch ist, Bedürfnisse zu erfüllen, dann lösen sich Kategorien wie „richtig und falsch“, „gut und böse“ in Luft auf, Begriffe wie „Schuld“ und „Sünde“ bekommen eine versöhnliche Bedeutung, „Belohnung und Bestrafung“ verlieren ihre Berechtigung.

Es gibt kein „Sollte“, „Müsste“, Eigentlich“ mehr, deren im Konjunktiv liegendes Nichtannehmen der Wirklichkeit nur Druck, Unwohlsein, Unzulänglichkeitsgedanken hervorrufen.

Kurz: Vergebung und Verbindung sind die unmittelbare Folge dieser Grundannahme. Mit mir und mit meinem Gegenüber.

Boahh!!!

Ich entscheide über meinen Gefühle

Die zweite umwerfende Erkenntnis jener Tage: Jeder ist für seine Gefühle selbst verantwortlich.

Meine Gefühle sind die Folge eines (erfüllten oder unerfüllten) Bedürfnisses. Meines Bedürfnisses.

Nicht jemand oder etwas macht meine Gefühle oder ist dafür verantwortlich, sondern ich habe darauf Einfluss, wie ich mich fühle.

Die Folge davon: Ohnmacht wird zu Macht, Abhängigkeit wird zu Unabhängigkeit, noch besser, zu Interdependenz in Freiheit.

Strategie ≠ Bedürfnis

Und schließlich, das dritte Schlüsselerlebnis, das wie eine Heureka-Ereignis in mir aufbrach: Die Erkenntnis, dass Bedürfnis und Strategie zwar viel miteinander zu tun haben, jedoch zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Während ein Bedürfnis universell ist, allen Menschen gemeinsam, stets lebensdienlich und -bereichernd, und auf viele verschiedene Arten erfüllbar, ist eine Strategie zur Erfüllung des Bedürfnisses nur eine von vielen Möglichkeiten.

Und sie ist nicht immer lebensbereichernd. Sie kann im Gegenteil durchaus auch gewaltvoll, gar lebenszerstörend sein. Und sie wird es zwangsläufig dann sein, wenn ich mich auf diese eine Strategie festlege, mein Wohlbefinden von der Erfüllung der Strategie abhängig mache. Daraus folgt Zwang, Druck, Unfreiheit, aktuell in Syrien geballt zu erleben, Tod.

Die Verbindung mit dem Bedürfnis macht den Blick weit: Wenn eine Strategie nicht möglich ist, gibt es noch unzählige andere, die zur Erfüllung des Bedürfnisses führen können. Diese Einsicht macht frei.

Und die Verbindung mit dem Bedürfnis ermöglicht mir, den Menschen hinter einer Strategie zu sehen. Und sei sie auch noch so verheerend.

Hinter der Tür: Frieden, Macht, Freiheit

Was habe ich somit in dieser neuen Welt gefunden, nachdem ich durch diese Tür gegangen war?: Frieden, Macht (Selbstwert), Freiheit.

Mir war schnell klar, diesen Weg gehe ich weiter. Ein Weg, der so viel Reichtum und Schätze birgt, den will ich weiter gehen und mit diesen Schätzen mein Leben und das anderer bereichern.

Der Reichtum der GfK

Und es erscheint mir eine nahezu unüberschaubare Vielzahl von Schätzen zu sein:

  • Verbindung von Mensch zu Mensch ohne Urteilen, Verurteilen, moralischem Bewerten
  • Möglichkeiten, Konflikte zu lösen, die regelmäßig in eine Win-Win-Situation münden
  • Mögliche Versöhnung von in größtem Hass verfeindeter Menschen oder Völker
  • Versöhnung mit und in mir selbst, meiner Vergangenheit, meinen Schatten, meinen Wunden
  • Anderen diese Versöhnung und Heilung durch Prozessarbeit ermöglichen
  • Verbindung mit und Baden in der Schönheit der Bedürfnisse, was es immer wieder ermöglicht, unangenehme Gefühle in einer belastenden Situation zu wandeln
  • Umwandeln von Ärger und Frustration, erkennen dahinter liegender Gefühle und Bedürfnisse
  • Befreiung von Wut, Schuld und Scham
  • Ein Nein als Geschenk geben und nehmen können, in dem Wissen, jedes Nein ist ein Ja
  • Verlassen von Komfortzonen und damit Neues erleben
  • Loslassen von behindernden Glaubenssätzen und damit Erkennen neuer Möglichkeiten
  • Sozialer Wandel, weg von Konfliktlösung mit Gewalt, Ausbeutung von Mitmenschen und Natur, Diskriminierung von einzelnen Gruppen, hin zu friedlichen Lösungen, Leben miteinander und Akzeptanz der Gleich-Gültigkeit.

Think different – act nonviolent

Die gewaltfreie Kommunikation ist wie eine Fremdsprache. Genau genommen ist sie eine Fremdsprache, denn wir sind es nicht gewohnt, so zu sprechen und zu denken.

Jahrzehnetelang, seit der Kinderzeit, sind wir selbst, jahrtausendelang unsere Kultur, geprägt von bewertendem, urteilendem und verurteilendem Denken. Ein neues, anderes Denken ist notwendig.

Das berühmte „Kehrt um, tut Buße“ des Neuen Testaments heißt im Griechischen eigentlich Metanoia, zu deutsch denkt neu, denkt um!

Also:           Metanoia, Denk um, Think different!

(Opel hat das vor Jahren bereits mit seiner interessanten Werbeaktion „Umdenken im Kopf“ erkannt. Nur bezog sich diese Aktion wohl eher nicht auf die gewaltfreie Kommunikation oder social change).

Zwischen dem Auslöser und der Antwort befindet sich ein Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, eine Antwort zu wählen. In dieser Antwort liegt unser Wachstum und unsere Freiheit

Der Raum ist also der zwischen dem Auslöser und der Reaktion. Der Raum, der Freiheit schenkt, zu entscheiden,  unabhängig von den reflexartigen Reaktionsweisen Fight, Flight, Freeze.

Ich bin sicherlich weit davon entfernt, die perfekte Giraffe zu sein (wobei ich nicht wüsste, ob es so etwas gibt, wie eine „perfekte Giraffe“). Aber ich bin auf dem Weg. Und das Schöne ist, gerade in der GfK gilt: der Weg ist das Ziel. Somit bin ich immer schon am Ziel, solange ich auf dem Weg bin. Ich brauch nirgendwo anzukommen.

Ist das nicht klasse? Ich find schon und ich bin froh, diese offene Tür gefunden und den Eintritt gewagt zu haben.

Gruß,
 
Peter

 

4 Gedanken zu „Gewaltfreie Kommunikation, die Tür zu einer neuen Welt

  1. Lieber Peter!

    Schön, dass du noch durch die Tür ‚gehuscht‘ bist und mitgemacht hast. Dein Artikel ist sicherlich sehr inspirierend für alle, die noch auf der Suche sind!

    Vielen Dank für deinen Beitrag und herzliche Grüße,

    Kiwi

  2. Meine Tür war ein Buchtipp auf der Degrowth Konferenz in Leipzig. Der gammelte eine Zeit in meinem Notizbuch herum, bis ich ihn wieder ausgebuddelt habe. Dann: Einführungsseminar, jetzt in den Osterferien 4 Tage GFK und Schule. Das ist mein Weg, den ich weiter gehen werde. Danke für diesen Artikel, der mich noch einmal bestärkt hat <3

    1. Das klingt toll, Alexandra und freut mich für Dich. Darf ich fragen, was das für ein Buch war? Bin ein bisschen neugierig.
      Lieben Gruß, Peter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.