Recht haben oder glücklich sein. Warum geht nicht beides?

Recht haben oder glücklich sein. Beides zusammen geht nicht

Recht haben oder glücklich seinWer sagt das?

„Du kannst Recht haben oder glücklich sein. Beides zusammen geht nicht“.

Dieser Satz, oder sagen wir mal, diese Behauptung, taucht in der obigen oder in ähnlicher Formulierung bei verschiedenen spirituellen Lehrern immer wieder auf.

Bei Byron Katie hab ich ihn schon gelesen, bei Eckart Tolle oder bei Chuck Spezzano. Auch Marshall Rosenberg wird damit oft zitiert, wobei bei ihm die häufigst zitierte Formulierung lautet: „Willst Du Recht haben oder glücklich sein? Beides geht nicht“. Im Neuen Testament klingt etwas ähnliches an, wenn es heißt: „Richtet nicht, dsamit nicht auch ihr gerichtet werdet.“ (Mt. 7,1)
Nicht zuletzt findet sich der Satz in „Ein Kurs in Wundern“.

Egal, wer sich nun als Urheber dieses Satzes bezeichnen darf (was den angeführten Leuten im Hinblick auf ihr Glück ziemlich egal sein dürfte, wenn sie das leben, was sie lehren. Und davon gehe ich aus), darum soll es hier nicht gehen.

Vielleicht geht ja doch beides?

Vielmehr geht es um die Frage: Recht haben oder glücklich sein, schließt sich das wirklich aus?  

Oder gibt es nicht Situationen, in denen beides nebeneinander, gar miteinander, Platz hat.
Oder, noch einen Schritt weiter, gibt es nicht Situationen, in denen ich mich glücklich fühle, gerade, weil ich Recht habe?

Bei aller Faszination, die der Satz auf mich ausübt, habe ich mir diese Fragen immer wider gestellt. Warum kann ich nicht glücklich sein, wenn ich Recht habe?

Eins vorweg: Ich habe es tatsächlich schon oft erlebt, dass ich mich glücklich fühlte, als ich „Recht hatte“, ja, weil ich Recht hatte.

Ja, wie denn nun???

Sicherlich hast Du als aufmerksamer Leser den feinen Unterschied in der Formulierung bemerkt: Ich habe mich glücklich gefühlt. Möglicherweise ist das was anderes als glücklich sein. Wir werden später darauf zurück kommen.

Doch machen wir uns zuerst an die Analyse der Aussage. Dazu ist es sicherlich sinnvoll, die beiden (behaupteten) Gegensätze zu trennen und einzeln zu untersuchen.

Was bedeutet Recht haben?

Die beiden Wörter Recht und richtig sind eng miteinander verwandt.

Recht haben bedeutet also, dass es ein Richtig (und damit auch ein  Falsch) gibt. Denn nur unter dieser Voraussetzung ist es möglich, dass jemand Recht hat, jemand anders dagegen Unrecht.

Weitere interessante Verwandtschaften weisen die Wörter Richter und Gerechtigkeit auf, beide mit ganz enger Beziehung zu dem Wort Recht.
Es wird beurteilt, wer Recht hat, vielleicht sogar derjenige verurteilt, der im Unrecht ist, der Unrecht begangen hat. Dieser hat eine ge-rechte Strafe verdient, der Andere seinen ge-rechten Lohn.

Es geht also um moralische Bewertungen, um Lohn und Strafe und Verdienen. Und es geht darum, wie etwas sein sollte

Jemand, der Recht zu haben glaubt, behauptet, er liege richtig, der Andere falsch.
Er zieht sich auf die vermeintlich objektive Ebene zurück und wähnt sich im Besitz der Wahrheit, ohne zu berücksichtigen, dass es so etwas wie eine objektive Wahrheit für uns als Subjekt gar nicht gibt (zumindest habe ich noch niemanden getroffen, der von sich behaupten könnte, die objektive Wahrheit zu kennen. Was nichts daran ändert, das ich schon einige getroffen habe, die das tatsächlich von sich behauptet haben).

Diese Art zu denken ist die Ursache für die Gewalt in der Welt. Im Kleinen wie im Großen. 

Objektiv vs. subjektiv

Was mit objektiver und subjektiver Wahrheit gemeint ist, lass mich an einem Beispiel verdeutlichen:

Es ist Freitag Nachmittag und es regnet. Ich gehe spazieren, treffe jemanden, der auch spazieren geht, und ich sage zu ihm „Es regnet“. Der andere sagt zu mir: „Nein, es regnet nicht“. Wer hat nun Recht?

Objektiv ganz klar: Ich.
Und subjektiv? Da wird die Sache schon schwieriger.

Wie kommt der Andere dazu zu behaupten, es regnet nicht, obwohl es doch eindeutig regnet?
Könnte es sein, dass er (subjektiv, also von seiner Warte aus) genauso Recht hat?
Könnte es sein,

  • dass er diesen Niederschlag gar nicht als Regen empfindet, sondern z. B. als Nieseln,
  • dass er unter „es regnet“ etwas anderes versteht als ich,
  • dass er sich grade in Gedanken an einem Ort befindet, an dem es nicht regnet?

    Recht haben oder glücklich sein

    Wer hat nun Recht? Tja, kommt wohl drauf an

Was auch immer.

Vielleicht mag dieses Beispiel etwas konstruiert klingen, an einem anderen Beispiel aus meinem Arbeitsalltag wird es noch deutlicher. Ich habe es grad vorhin erlebt: 

Ein Patient kommt in meine Praxis und klagt über Husten und Fieber. Ich frage ihn, ob er auch Schnupfen habe, was er verneint, in einer Art sprechend, die in jedem medizinischen HNO-Praktikum als unschlagbares Beispiel zur Verdeutlichung des Begriffes „Rhinolalie“ (Näseln) dienen könnte.

„Na, wenn der keinen Schnupfen hat, dann heißt der Kaiser von China ab heute Peter“, denkt es in mir. „Wie kann jemand so unsensibel sein, dass er das nicht merkt?“ ist ein weiterer urteilender Gedanke und der ganze Recht-haben-wollen-Prozess in meinem Kopf gipfelt in der Frage: „Spinne jetzt ich, oder der?“ 


Im Lauf der Untersuchung wird mein unübertrefflicher ärztlicher Blick 😉  natürlich bestätigt und es stellt sich heraus, dass seine Nase mehr verstopft ist als die A 8 vor Stuttgart freitagnachmittags um 5. 


Hat er mich also angelogen? Warum sollte er das?
Jedenfalls ist eines ziemlich eindeutig: Ich habe Recht!


Trotzdem, wage ich einen Versuch der Klärung:
Wie er dazu komme, zu behaupten, er habe keinen Schnupfen? Darauf er: „Aber ich habe doch auch gar keinen Schnupfen!?“

Da kommt mir die Idee: „Ja, was verstehst Du denn unter Schnupfen?“ Er: „Wenn mir die Nase läuft wie verrückt.“ 

Aha, die Nase lief ihm wahrlich nicht. Also hatte er doch Recht. 

Recht haben will das Ego

Recht haben bzw. Recht haben wollen ist Ausdruck eines Ich, das seinen Wert über das Außen definiert. Manche Leute sagen auch Ego dazu.
Dieses Ego orientiert sich an Maßstäben wie richtig und falsch und beurteilt bzw. verurteilt alles auf diesem Hintergrund. Es geht ihm gut, wenn es die Bestätigung erfährt, dass es richtig ist, also Recht hat. Es sieht sich bedroht, in dem Moment, wo es glaubt, nicht richtig, also nicht in Ordnung zu sein.

Das ganze Bestreben des Ego besteht darin, richtig zu sein, also Recht zu haben. In diesem Verlangen, unbedingt Recht haben zu müssen, was automatisch zur Folge hat, dass der Andere Unrecht hat, geht die empathische Verbindung zu dem Anderen verloren, dem das Ego ja abspricht (genauso) im Recht zu sein.

Somit erhält die Frage, ob Recht haben und glücklich sein gleichzeitig nebeneinander möglich sind schon eine erste Teilantwort. Und die lautet bereits jetzt: Nein.
Es sei denn Glücklich-Sein wäre möglich ohne empathische Verbindung.

Glücklich-Sein – mehr als ein Gefühl

Ich fühle mich vielleicht froh, ich fühle mich glücklich, ich fühle Bestätigung, Genugtuung, was auch immer, wenn ich Recht habe.
Wer hätte es nicht schon erlebt?
Jedoch: Ist das Glück? Ist das glücklich sein? Ist glücklich sein möglich, wenn es auf Kosten der Verbindung mit dem Anderen geht? Ich glaube jedenfalls nicht.

Damit wären wir beim zweiten Punkt dieses angeblichen Gegensatzpaares: glücklich sein. Was ist das?

Ohne nun eine Definition des Duden oder irgendeines Philosophen zu bemühen, ist für mich glücklich sein ein anderes Wort für „in Liebe sein“, schlicht, zu lieben.

Es gibt auf der Welt tausend und tausend Formen der Freude. Aber im Grundes sind alle eine einzige. Die Freude, lieben zu können. Beides ist ein und dasselbe. 

Die unendliche Geschichte

Es ist ein Zustand, oder sage ich besser ein Ort, des inneren Friedens, der Harmonie, des Einklangs mit sich selbst, der Verbindung mit sich, mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen (der göttlichen Energie, wie es M. Rosenberg auch nennt), der Verbindung mit den Menschen um sich herum und der Welt, die jemanden umgibt. (Insofern ist es sogar möglich, sich traurig zu fühlen und Trauer zu spüren und trotzdem glücklich zu sein. Wohl aber kaum, sich auch gleichzeitig glücklich zu fühlen).

Du brauchst nicht Recht zu haben um glücklich zu sein

Wer glücklich ist, braucht nicht im Recht zu sein, denn dieses Glück speist sich nicht aus der Bestätigung von außen, sondern aus einer unerschütterlichen Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe (wobei dieser Gott nichts etwas ist, was fern in den Himmeln und damit außerhalb von mir thront, sondern, der in mir wohnt mit all seiner göttlichen Energie).

Nun gut, halten wir fest: Wer glücklich ist, braucht es nicht, Recht zu haben.

Du kannst nicht Recht haben, wenn Du glücklich bist

Die Behauptung ist jedoch, man kann auch nicht Recht haben, wenn man glücklich ist. Das klingt nun wahrlich seltsam. 

Und doch, es stimmt. Und magst Du wissen, warum?

Im Glücklich-Sein, in der Liebe, in der Verbindung und damit Überwindung der (vermeintlichen) Trennung zwischen mir und Gott und der Welt hört die Dualität von richtig und falsch auf zu existieren. Und damit hört so etwas wie „Recht haben“ auf zu existieren. 

Die Liebe kennt kein Richtig und Falsch. Deshalb kann sie auch nicht Recht haben. Klick um zu Tweeten

Mit anderen Worten: Recht haben gibt es nur in der Dualität des urteilenden Verstandes. Solange wir den Drang haben, Recht haben (zu müssen), solange sind wir (noch) nicht an dem Ort des Glücklich-Seins, an dem Ort jenseits von richtig und falsch. 

Recht haben (wollen) als Geschenk

Allerdings lass Dich nun bitte nicht dazu verleiten, jetzt zu denken, Du oder etwas mit Dir sei falsch, wenn Du noch immer oder immer wieder Recht haben willst.

Da ist

  1. nichts daran falsch oder verurteilenswert und
  2. geht es sicherlich den allermeisten Menschen so (und es ist hoffentlich überflüssig zu betonen: auch mir) 

Die Lösung liegt übrigens auch nicht darin, um des lieben Friedens willen dem Anderen Recht zu geben nach dem Motto:  „Ok, Du hast Recht. Und ich meine Ruh´“.
Darum geht es nicht und das ist auch nicht damit gemeint.

Denn Recht haben oder glücklich sein gilt auch dann, wenn nicht ich, sondern der Andere Recht hat.

Ich sag es noch einmal, weil es so grundlegend ist, und weil es diesen auf den ersten Blick zwar faszinierenden und gleichzeitig mißverständlichen Satz klärt:
„Du kannst Recht haben oder glücklich sein. Beides gleichzeitig geht nicht“. Schlicht und ergreifend deswegen, weil es im Glücklich-Sein kein Recht Haben mehr gibt. 

Nimm daher den Moment, da Du Recht (oder auch Unrecht) hast, oder haben willst, als Trigger, als Signal, zu schauen, was sind grad meine Gefühle, was meine Bedürfnisse und verbinde Dich mit ihnen. Und verbinde Dich mit denen Deines Gegenüber.

Und Du wirst sehen: das Recht haben hört auf.

Und dann befindest Du Dich an dem Ort, wo das Glück beginnt. 

Fazit

  • Viele spirituelle Menschen behaupten, es gehe nur eines von beiden: Recht haben oder glücklich sein
  • Unser Alltags(er)leben scheint dem zu widersprechen
  • Recht setzt voraus, es gibt richtig und falsch. Doch wer will das festlegen?
  • Recht haben ist ein Ausdruck des moralisch urteilenden Verstandes und des Ego, das seine Existenz auf richtig und falsch aufbaut
  • Glücklich sein ist der Ort jenseits von richtig und falsch, der Ort der Verbindung mit den Gefühlen und Bedürfnissen, der göttlichen Energie, in sich selbst und der Welt um sich herum
  • Wenn Du glücklich bist, brauchst Du die Bestätigung des Recht-Habens nicht 
  • Wenn Du glücklich bist, kannst Du auch gar nicht Recht haben, noch jemand Anderes, da richtig und falsch nicht mehr existieren
  • Wenn Du glaubst, Recht (oder Unrecht) zu haben, verurteile Dich nicht. Nimm es als Geschenk, das Dich darauf hinweist, Dich mit Deinen Gefühlen und Bedürfnissen zu verbinden. 

Peter 

 

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