Als ich mich selbst zu lieben begann – Charlie Chaplin und die Frage nach dem Sinn

Bild im Beitrag als ich mich selbst zu lieben begann Sonnenuntergang im MeerAls ich mich selbst zu lieben begann und die Frage nach dem Sinn

Wow, was war das für eine Woche, die hinter mir  liegt.

Nach wunderschönen Urlaubstagen, viel Spaß und frischer Luft in herrlicher Landschaft, kam ich am Montag zurück in die Praxis, und das Chaos der aktuellen Grippewelle schlug tsunamiartig über mir zusammen.

97 Patienten an einem Tag, dazu teilweise beide Eltern, oft Geschwister. Mehr als 300 Kontakte mit Menschen, die meine Hilfe suchen.

Empathische Begegnung? Wie soll das gehen? 

Stattdessen abhaken von Fragelisten: was, wann, wo, wie lange, seit wann, wie viel?, standardisierte Körperkontakte, programmierte Lösungen.

Am nächsten Tag fing es genauso an und nahm den gleichen Programmablauf. Was, wann, wo?, Fieber Husten, Bauchschmerzen?… Inspizieren, Abhören, Abtasten… Rezept, kurze Erklärung –  der Nächste bitte!

Bis…

„Kommen Sie bitte schnell in Zimmer 1“.

Ok, denke ich mir, wahrscheinlich ist ein Kind kollabiert nach einer Impfung, kommt gar nicht so selten vor. Angst vor Spritzen ist eines der unangenehmsten Dinge, mit denen ich meine Patienten täglich konfrontiere und diese Angst fordert hin und wieder ihr Recht. Oft indem sie interessanterweise meist Jugendliche in die Knie zwingt.

Doch das hier war etwas Anderes.

Das 6 jährige Mädchen hatte kurz zuvor erst die Praxis betreten, ich hatte sie noch gar nicht gesehen. Nun lag sie auf der Liege, blass, eiskalte Hände, Schnappatmung. Kein Puls.
Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen.

Ich ließ den Rettungsdienst rufen, wir begannen mit der Reanimation. Mehr als 1 Stunde, bis das Kind soweit stabil war, dass es in die Klinik transportiert werden konnte. Das proppenvolle Wartezimmer hatten wir währenddessen evakuiert, nun strömten die Eltern mit ihren Kindern wieder zurück, wollten ihre Nasentropfen, Hustensäfte und Läusemittel.

Keine Zeit zu fühlen, zu fragen, kein Raum zu trauern.

Und plötzlich brach es in mir hervor, in Tränen aus mir heraus: Was tue ich hier eigentlich?

Der Rest der Woche war geprägt von diesem Ereignis, erfüllt, mit dieser Frage. In die unvermindert anhaltende Akkordarbeit hatte sich die Frage nach dem Sinn geschlichen, nein, sie hat sich wie Blitz und Donner vor mich hingeknallt.

Was tue ich hier, jeden Tag?

Was würde ich gern tun, wie würde ich es gern tun? Was wäre wenn?

Fragen im Konjunktiv, Bedingungsfragen machen mich immer hellhörig. Denn Konjunktiv bedeutet, „könnte sein“… ist aber nicht so.

Das, was ist, zählt, und ich habe für den gegenwärtigen Moment genau 2 Alternativen:

Entweder weiter dem Konjunktiv frönen und damit die Realität ablehnen und im Angesicht des gewünschten Unvorhandenen leiden. Oder die Wirklichkeit annehmen, akzeptieren, lieben, was ist, und damit mir selbst Liebe schenken, weil ich darauf verzichte, mir selbst Gewalt anzutun, indem ich das im Moment Unmögliche will.

Mir fiel ein Gedicht, das Gedicht von Charlie Chaplin wieder in die Hände, mein Lieblingsgedicht, „Als ich mich selbst zu lieben begann„. Er trug es als Rede zu seinem 70. Geburtstag vor, vielleicht schon als Fazit seines reichen und erfüllten Lebens. Und es passt zu dieser Woche, es passt zu den hervordrägenden Fragen und gibt die passenden Antworten dazu.

Als ich mich selbst zu lieben begann (Charlie Chaplin zu seinem 70. Geburtstag)

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist –
von da an konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich: Das nennt man Vertrauen.

 

Alles, was geschieht, hat einen, seinen Sinn. Nichts geschieht sinnlos oder zufällig. Alles, was ich im Moment tue, tue ich, weil es der richtige Moment und richtige Ort dafür ist. Und richtig nicht in dem Sinne, dass es auch das Pendant dazu geben könnte, das Falsche. Nein, das Richtige jenseits von richtig und falsch. Das im Moment einzig Sinn-volle. Der Sinn mag sich mir nicht immer erschließen. Der Glaube, das Vertrauen, dass er da ist, befreit.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden, wie sehr es jemanden beschämt, ihm meine Wünsche aufzuzwingen,
obwohl ich wusste, dass weder die Zeit reif, noch der Mensch dazu bereit war.
Auch wenn ich selbst dieser Mensch war.
Heute weiß ich, das nennt man Respekt.

 

Und es beschämt nicht nur. Wünsche aufzwingen, obwohl die Zeit nicht reif ist, obwohl fehlende Bereitschaft dagegen spricht, ist Gewalt. Mir gegenüber oder Dir. Eine Bitte dagegen akzeptiert, wenn es nicht geht und freut sich an dieser Erkenntnis.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid
nur Warnungen für mich sind, nicht gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich: Das nennt man Authentisch-sein.

 

Was ist das, emotionaler Schmerz und Leid? Wann und wie entstehen sie?

Wenn ich mich auflehne gegen die Wahrheit, gegen meine, gegen das, was ist. Wenn ich nicht wahr haben will, ablehne.

Schmerz und Leid als Warnschilder dürfen mich hinführen zu meinen wahren Gefühlen wie Trauer, Angst und Hilflosigkeit. Sie darf ich einladen, willkommen heißen und dann in Frieden verabschieden als Ausdruck meiner inneren Wahrheit.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen,
und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich: Das nennt man Reife. 

 

Das ist ein Sinn dessen, was geschieht: Eine Aufforderung, eine Chance für mich zu wachsen. Das Leben, das ich im Moment habe, bietet mir die größte Chance zum Wachsen.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,
und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht,
was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt,
auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo.
Heute weiß ich: Das nennt man Ehrlichkeit. 

 

Leben ist JETZT. Und immer nur JETZT. Projekte für die Zukunft zu entwerfen, kann auch Spaß machen. Wenn mich die Gedanken an das Projekt allerdings blind machen für die Gegenwart, dann versäume ich das Leben. So viel will ich für ein wie auch immer geartetes Projekt nicht bezahlen.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von Allem das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das „Gesunden Egoismus“,
aber heute weiß ich: Das ist Selbstliebe.   

 

Die entscheidende Frage hierbei: Was zieht mich weg von mir selbst, was bringt mich aus meiner Mitte? Und was führt mich hin? Was hilft mir zu meiner Gesundung? (Zu Selbstliebe und Egoismus lies diesen Beitrag)

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, immer Recht haben zu wollen. So habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt: Das nennt man Demut. 

 

Wie beengend, stressig kann es sein, immer Recht haben zu wollen. Welche Gelassenheit liegt darin, es nicht immer zu müssen.

Du kannst Recht haben oder glücklich sein. Beides zusammen geht nicht Klick um zu Tweeten

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben
und mich um meine Zukunft zu sorgen.
Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo alles stattfindet.
So lebe ich heute jeden Tag und nenne es Bewusstheit. 

 

Die Vergangenheit ist vorbei, nicht mehr existent. Die Zukunft ist noch nicht geboren. Was bleibt ist der jetzige Moment. (s. auch, wie Du Deine Angst loslassen und Sorgen verabschieden kannst)

„Nichts aus der Vergangenheit (und nichts in der Zukunft) kann dich davon abhalten, jetzt gegenwärtig zu sein. Und wenn dich die Vergangenheit nicht davon abhalten kann, jetzt präsent zu sein, welche Macht hat sie dann noch?“  Eckardt Tolle

Als ich mich selbst zu lieben begann,
da erkannte ich, dass mich mein Denken armselig und krank machen kann.
Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
bekam der Verstand einen wichtigen Partner.
Diese Verbindung nenne ich heute Herzensweisheit. 

 

Wenn die Weisheit des Herzens die Macht des Verstandes zähmt, dann wird dieser zu einem bereichernden Werkzeug deines Lebens. Der Verstand beherrscht nicht mehr Dich, sondern Du gebrauchst Deinen Verstand als wertvolles Werkzeug.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten,
denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich: Das ist das Leben!

 

Probleme und Konflikte nicht als Quelle von Angst, Resignation und Zerstörung, sondern als Chance für etwas Neues, Größeres. Wohlan denn.

Es war eine erfüllte Woche.

 

Gruß, Peter

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6 Replies to “Als ich mich selbst zu lieben begann – Charlie Chaplin und die Frage nach dem Sinn”

  1. Lieber Peter, Dein Artikel hat mich sehr berührt! Herzlichen Dank dafür! Danke auch, dass Du dieses wunderbare Gedicht mit uns geteilt hast! Ich kannte bisher nur den letzten Teil, aber der Anfang ist ja auch absolut lesenswert und wunderbar! Liebe Grüße, Christina

  2. Lieber Peter, herzlichen Dank für das wundervolle Gedicht und deine Worte dazu. Es hat auch mich sehr tief berührt und ich habe mich in vielem wiedererkannt. Genau passend heute Abend für mich nach einem konfliktreichen Abend mit unserer Tochter (7). DAs bestätigt mich auf meinem Wege da zunächst mit mir selbst anders umzugehen….. Nochmals vielen Dank und herzliche Grüße, Marieluise

    1. Liebe Marieluise, vielen Dank für Deine Worte. Ich wünsche Dir, dass es Dir gelingt, mehr und mehr Dich selbst zu lieben. Und diese Liebe zu uns selbst wirkt sich dann auch auf die Kinder aus. Schön, ich freue mich. Liebe Grüße, Peter

  3. Danke, lieber Peter. Eine Freundin hat mir „linke Wange“ empfohlen. Ich bin begeistert. Liebe Grüße Anne-Kathrin

    1. Liebe Anne-Kathrin, ich freue mich sehr, das zu hören. Und ich freue mich, dass Dir die Seite gefällt. Ich spüre Deine Begesiterung und bin selbst dadurch begeistert. Heidiho, hab ein wunderschönes Wochenende. Liebe Grüße, Peter

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